Hunde der Einsamkeit

Dein Schatten der Abfall – Die Eros Kadaver Show

Die Anfänge

 

2004 produzierte der ORF ein Hörspiel von Peter Wagner mit dem Titel „Inland“, in dem der Stimmungswandel in Österreich unter den neuen gesellschaftlichen und politischen Realitäten der Nullerjahre anhand einer dramatisierten Profil-Ausgabe thematisiert wurde. Fünf Jahre später inszenierte der Autor und Regisseur das Stück „Und jetzt“ von Clemens Berger für das Offenes Haus Oberwart, in dem er erstmals auch mit professionellen AkteurInnen aus dem Bereich Modern Dance arbeitete. Da die Tage zwischen den Vorstellungen für Bühnenmitwirkende lange werden können, zumal in einem Hotelzimmer der Provinz, baten einige von ihnen den Regisseur, zwischendurch eine Szene mit ihnen vor Kamera zu drehen. Man sperrte sich in der Folge mit einer Filmcrew in der Kellerbar eines südburgenländischen Landgasthofes ein und drehte eine Episode nach einem Dialog aus dem ursprünglichen Hörspieltext „Inland“.

Zu diesem Zeitpunkt konnte der Autor nicht einmal im Ansatz erahnen, welches Ungeheuer an künstlerischer und energetischer Herausforderung aus diesem ersten Herantasten an einen vielleicht ja doch zu entwickelnden Film erwachsen würde. Von dem Ergebnis des ersten Drehs sind letztlich nur noch wenige Sekunden an direktem Material in das Endergebnis eingeflossen. Immerhin aber war es der Beginn einer Arbeit, die sich über fast sieben Jahren erstrecken sollte.

 

Die Eros Kadaver Show

 

Der Aspekt eines als politisch interpretierbaren Films, wie er sich ursprünglich anhand einiger weniger aus dem Hörspiel „Inland“ umgesetzter Szenen angeboten hatte, trat im Verlauf der Dreharbeiten zunehmend in den Hintergrund, je weiter die DarstellerInnen selbst ins Zentrum rückten. Immer mehr drängte sich die Krise des Individuums ins Blickfeld, wie sie sich weder auf einen gewissen Zeitraum noch auf ein spezielles politisches Biotop einschränken lässt.

All die wie zufällig Erscheinenden gleiten, so unbedarft wie jeden Morgen, in ihren Alltag, ohne im geringsten zu ahnen, dass sie aus diesem nicht mehr zurückkehren werden: der Totengräber, Inhaber der Firma „Eros Kadaver Bestattung“, der den ablaufenden Film womöglich nur träumt; der Mann mit der Pistole, der in der Zahlenmystik der Maya nach der Vermessbarkeit der Welt sucht und dabei eine Auseinandersetzung mit einem womöglich am Boden liegenden Gott führt; die junge Frau mit der gelben Handtasche, die bei ihrem ersten Job als Modell mit einem unnahbaren Partner auf einem verstaubten ehemaligen Fabrikgelände landet und dort in ein Labyrinth gerät; die junge Tänzerin, die anhand eines gefundenen Goldringes sich unverhofft zum Selbstopfer angesichts von Kindern als Opfer von Krieg und Gewalt entschließt; der Solipsist in seiner Klause, dessen Gefangenschaft in sich selbst kein Herauskommen aus seinem Kopfraum ermöglicht; der Chef seiner Firma, der im Zirkel der Einsamkeit nicht nur sein eigenes Leben aushaucht, sondern auch ein anderes zerstört; der Anbieter grenzwertiger Lösungen, der angesichts der Tötungsbedürfnisse einer vom Gestank der Zivilisation stimulierten Frau seinem Leben ein clowneskes Ende setzt; die Stimulierte selbst, die mit der Wirkung eines Revolvers kokettiert und in diesem dann auch die lange gesuchte Lösung findet.

Sie alle gehen als Kinder in die Welt, die uns in gewisser Weise fremd bleiben, weil sie kaum Sympathien, noch weniger die suggestive Entwicklung von Sehnsüchten zulassen. Dies aber ist Teil des Spiels. Man erwartet sich vom Theater – und mehr noch vom Film – eine gewisse Täuschung, mit gutem Grund und auf möglichst hohem Niveau. Auch dieser Film ist eine Täuschung, er ist eine einzige Täuschung. Er ist aber vor allem dadurch der Versuch einer Distanzierung, zumal er keine wie auch immer geartete Sehnsucht erfüllt, im Gegenteil, er untersagt sie ausdrücklich: Der Zuschauer soll von den Hunden der Einsamkeit insofern gebissen sein, als er trotz all der vor ihm auftauchenden Figuren mit sich alleine bleibt, weil diese kein Identifikationsmuster bieten.

 

Im Labyrinth der Einsamkeit: ein Film und ein Roman

 

Der Übertitel des Filmes „Hunde der Einsamkeit“ ist zwar ursprünglich nicht bewusst bzw. vorsätzlich an den berühmten Essay des mexikanischen Literaturnobelpreisträgers Octavio Paz „El laberinto de la soledad“ angelehnt, kann aber auf einer Metaebene seine Beziehung zu diesem auch nicht verleugnen. Vor seiner ersten Mexikoreise im Jahr 1990 hatte sich der Autor und Regisseur in Vorbereitung auf dieses Land intensiv mit diesem Werk auseinandergesetzt. Damals bereits entstand die Grundidee für ein Romanwerk, das sich 23 Jahre später, nach der siebenten Mexikoreise, im Roman „Kreuzigungen. Ein Triptychon“ (Edition Marlit 2013) manifestieren sollte.

 

Da der Autor von dieser letzten Reise auch einiges an Filmmaterial, in dem er selbst als Hauptfigur einer Eros-Kadaver-Episode vor der Kamera agiert, mit nach Hause gebracht hatte, besitzt der Film auch eine mexikanische Perspektive. Im Entstehungsprozess von Roman und Film/Musik haben sich beide über die Jahre verwoben und parallele Entwicklungen vollzogen. Elemente des Films bzw. der Musik haben Motive des Romans übernommen und umgekehrt.

 

Am deutlichen wird dies in jener Sequenz des Filmes, in der der als Leichenbestatter agierende Autor nach der Sichtung eines YouTube-Beitrages, in dem sein eigenes Begräbnis in einem zweigeteilten Sarg antizipiert wird, das Haus in seiner mitteleuropäischen Gegenwart verlässt – und akkurat in Guadalajara auf die Straße tritt, um sich dort der Erfüllung seiner Todesfantasie anhand der überbordend zelebrierten Religiosität des mexikanischen Volkes hinzugeben.
 

MEXIKO

Impressionen aus KREUZIGUNGEN. EIN TRIPTYCHON, Roman in 3 Richtungen von Peter Wagner

TRAILER, vorrangig einem Buch zugeeignet - doch nicht nur

Der vorliegende Trailer benützt Elemente aus drei Werken von Peter Wagner, die hier - ohne dies explizit auszuweisen - zu einem eigenen Rendez-Vous vereint sind. 1. bietet er gelesene Passagen aus dem Roman "Kreuzigungen. Ein Triptychon" (Edition Marlit, 2013); 2. benützt er (teilweise redundante, teilweise aber auch originale) Bilder aus dem im Frühjahr 2015 präsentierten Film „Hunde der Einsamkeit - Dein Schatten, der Abfall - Die Eros Kadaver Show"; und 3. ist ihm ein Song aus der Doppel-CD "Hunde der Einsamkeit" (Eros Kadaver und sein Fürst) unterlegt, die zugleich mit der Präsentation des Films erscheint.

Informationen zum Buch:
http://www.peterwagner.at/html/arbeiten/buch_kreuzigungen.htm
http://www.edition-marlit.at/htm/buch_wagner2013.htm